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"Jeder Mensch ist musikalisch"

Immer mehr Erwachsene wollen ein Instrument erlernen. Worauf man sich einlässt – und warum es sich lohnt, erklärt Theo Hartogh, Professor für Musikpädagogik an der Universität Vechta
von Ingrid Kupczik, 02.05.2016

Liegt im Trend: Als Erwachsener ein neues Instrument spielen

Getty Images/Redrockschool

Herr Hartogh, Musik-Einstieg im Erwachsenenalter: ist das ein neuer Trend?

In der Tat. Seit den 2000er-Jahren steigt die Zahl der erwachsenen Mitglieder in den deutschen Musikschulen kontinuierlich an. Das betrifft laut Statistik des Deutschen Musikinformationszentrums alle Altersgruppen ab 25 Jahre, besonders stark aber die Senioren: Bei den über 60-Jährigen hat sich die Zahl der Musikschüler seit 2000 mehr als verdreifacht. Eine schöne Entwicklung. Musikschulen reagieren darauf mit einem speziell zugeschnittenen Angebot: After-Work-Kurse, Erwachsenen-Akademie, Ensembles für Späteinsteiger.

Was veranlasst erwachsene Menschen dazu, das erste Instrument zu erlernen?

Manche erhielten in der Kindheit nicht die Möglichkeit und wollen es nachholen, sobald Zeit und Mittel dies erlauben. Andere, die damals die Chance hatten, gaben irgendwann auf, vielleicht weil ein Lehrerwechsel anstand, und entdecken nun ihr Interesse am Musizieren neu. In Umfragen nennen sowohl Neu- als auch Wiedereinsteiger als wichtigstes Motiv die Freude an der Musik, an zweiter Stelle steht die Steigerung des Wohlbefindens, an dritter Stelle Geselligkeit. Dieser Punkt ist vor allem den Senioren wichtig, sie können durch das Musizieren im Ensemble Kontakte mit Gleichgesinnten schließen.

Welches Instrument empfehlen Sie Neueinsteigern?

Als Erstes frage ich: Welches Instrument möchten Sie denn spielen? Die meisten Erwachsenen haben eine konkrete Vorstellung, auch was die Musikrichtung angeht. Beides muss zur individuellen Biografie passen. Wer Pop spielen will, sollte es unbedingt tun. Älteren Anfängern würde ich von Oboe oder Fagott abraten, da der Blasdruck recht hoch ist. Ansonsten ist alles möglich, was gefällt. Das Klavier hat nicht an Popularität verloren und bietet den Vorteil, dass die Töne festgelegt sind. Beliebt sind zurzeit auch Akkordeon und Saxofon.

Wenn ich unschlüssig bin: Wie finde ich heraus, welches Instrument passt?

Musikschulen bieten für Kinder das "Instrumentenkarussell" an, eine Art Schnupperkurs, bei dem man verschiedene Instrumente kennenlernt, bevor man sich festlegt. Erwachsene können es ganz ähnlich angehen, indem sie auch ein Instrumentenkarussell besuchen oder ein Instrument für befristete Zeit leihen und ein Abo über eine bestimmte Anzahl Unterrichtsstunden buchen. Solche Angebote sind mittlerweile üblich, auch weil Berufstätige bei den Unterrichtsterminen eine gewisse Flexibilität wünschen.

Wie viel Musikalität brauche ich?

Jeder Mensch ist musikalisch, denn jeder empfindet Musik, und auf jeden hat Musik eine Wirkung. Nur Neigungen und Begabungen unterscheiden sich. Der eine geht gern ins Konzert – Klassik, Jazz, Heavy Metal oder anderes; ein anderer möchte selbst musizieren, und der nächste interessiert sich für Musikgeschichte. Die Meinung älterer Menschen, unmusikalisch zu sein, stammt häufig aus der Schulzeit, wenn man in der Klasse vorsingen musste. Eine peinliche, stressbeladene Situation, in der man dann auch noch benotet wurde. Das sitzt.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr: Was ist dran?

Die Redensart sollte lauten: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans anders." Längst haben Neurobiologen in Untersuchungen belegt, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter Plastizität besitzt, also in der Lage ist, neue neuronale Verknüpfungen zu bilden. Eine aktuelle Studie an der Universität Vechta zeigt, dass selbst Menschen mit Demenz noch musizieren lernen. Sicher ist: Kinder lernen schneller als Erwachsene, und sie lernen mit allen Sinnen, Erwachsene sind eher kopfgesteuert. Sie möchten alles genau nachvollziehen können und sind auch durchaus bereit, sich mit Technikübungen zu mühen, wenn es ihnen sinnvoll erscheint. Ihr Vorteil gegenüber Kindern: Sie besitzen Lebenserfahrung, die sie in die Interpretation von Musik legen können.

Wie weit kann ich es als erwachsener Anfänger auf dem Instrument bringen?

Wer mit 30 beginnt und die nächsten 30 Jahre dabei bleibt, wird es, vom Startpunkt aus gesehen, weit bringen. Wie weit, hängt von der Übung ab. Erwachsene setzen sich selbst ihr Pensum, und wenn sie regelmäßig üben, stellen sich schnell Erfolgserlebnisse ein. Ich empfehle, statt einmal pro Woche viele Stunden am Stück zu üben, dies lieber öfter in kleinen Portionen zu tun, zum Beispiel täglich 20 Minuten. Man sollte aufpassen, dass man sich nicht mit zu hohen Erwartungen überfordert, sonst entsteht Frust. Kaum ein erwachsener Anfänger will ja an einem Wettbewerb teilnehmen oder als Solist auftreten. Die meisten möchten Spaß haben, ihren Horizont erweitern, eine lang gehegte Sehnsucht erfüllen.

Welche Wirkung hat das Musizieren?

Es tut einfach gut. Musizieren wirkt auf vielen Ebenen. Es sorgt für die Ausschüttung von Glückshormonen, kann trösten, Erinnerungen wachrufen, psychische Barrieren überwinden, Beziehungen stiften, emotionalen Halt geben. Der therapeutische Nutzen ist vielfach belegt: Beispielsweise kann durch gezielten Einsatz von Musik die motorische Koordination von Schlaganfallpatienten gefördert werden.

Bei Menschen mit Alzheimer oder anderen Demenzerkrankungen kann gemeinsames Singen das Unruheverhalten mildern und in der Erinnerungsarbeit eingesetzt werden. Dementiell veränderte Menschen erinnern sich trotz der Gedächtnislücken in anderen Lebensbereichen bis zuletzt an Melodien, die sie aus ihrer Jugend kennen. Wenn wir gemeinsam mit anderen Menschen musizieren oder im Chor singen, synchronisieren wir uns mit ihnen. Das ist eine großartige Erfahrung. Deshalb meine Empfehlung: Wer die Chance hat, in einem Laien-Ensemble mitzuwirken, sollte sie unbedingt nutzen!



Bildnachweis: Getty Images/Redrockschool

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