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Hypochonder: Der eingebildete Kranke

Manche Menschen leben in ständiger Angst vor einer tödlichen und unheilbaren Krankheit. Dabei sind sie völlig gesund – bis auf ihre Seele. Aber die kann geheilt werden
von Christian Andrae, 17.08.2015

Unbegründete Angst: Hypochonder meinen, sie wären krank, obwohl sie gesund sind

Corbis/Beau Lark

Als der junge Mann wieder einmal seinen Mund­raum mit einer Taschenlampe inspiziert, überfällt ihn plötzlich Todesangst. Dieser weiße Belag da, der ist doch nicht normal. Umgehend eilt er zu seinem Computer und tippt hektisch auf der Tastatur. Die Pupillen weit geöffnet, navigiert er wie im Wahn durchs Internet – stundenlang auf der Suche nach einer Information, die ihn beruhigen könnte. Er wird sie nicht finden. Am Ende ist es immer Krebs.

Falsch interpretierte Körpersignale

Zu dieser Zeit ist Benjamin Sontheimer (Name geändert) schon in Behandlung. Körperlich ist er völlig gesund. Aber er leidet an Hypochondrie, der ständigen Angst, krank zu sein. Und diese Angst ist echt. Rund 800.000 Menschen in Deutschland glauben, an einer Krankheit zu leiden – oft gar an einer seltenen, unheilbaren oder tödlichen –, obwohl ihnen gar nichts fehlt. Nach Auswertungen des Psychologischen Instituts der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz sind 80 Prozent der Hypochonder davon überzeugt, Krebs zu haben – im Gehirn, in der Bauchspeicheldrüse oder auf der Haut zum Beispiel. Bei den übrigen 20 Prozent sind es meist neurologische Erkrankungen wie etwa die sehr seltene amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS. Weniger häufig ist die Angst vor Herzinfarkten oder Schlaganfällen.

Der weiße Belag, den Sontheimer eines Morgens entdeckte, war für ihn ein klares Zeichen für einen Mundhöhlenkrebs. Von dieser Überzeugung war er zunächst auch nicht so leicht abzubringen.

"Die Gedanken kreisen immer nur um dieses eine Thema", sagt Professor Josef Bailer vom Zentralinstitut (ZI) für Seelische Gesundheit in Mannheim. Er hat Sontheimer behandelt. "Alles, was aus seiner Sicht am Körper nicht normal aussah oder sich ungewöhnlich anfühlte, musste beobachtet und teil­­weise ärztlich abgeklärt werden", sagt Bailer. Rötungen, Muttermale, Kopfschmerzen, Schwindel, Durchfall.

Trigger wie Stress lösen Hypochondrie aus

Alle Körpersignale – auch solche, die bei völlig gesunden Menschen auftreten – werden von den meisten Hypochondern als Symptome einer todbringen­­den Krankheit gewertet. Permanent. Die ständige Todesangst lähmt die Betroffenen und beherrscht ihren Alltag.

Bei Sontheimer war das nicht immer so. Er spürte zwar seit seiner Pubertät hin und wieder eine diffuse Angst vor Krankheiten, aber von einer Hypochondrie war er weit entfernt. Oft dauert es Jahrzehnte, bis sich diese Form einer Angststörung in vollem Maß zeigt. Ausgelöst wird sie letztlich durch sogenannte Trigger wie beispiels­weise Stress.

Die Veranlagung dazu hat ihren Ursprung dagegen oft im Kindes- oder Jugendalter, sagt Dr. Maria Gropalis. Die Psychotherapeutin erforscht an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz The­ra­piemöglichkeiten für Hypochonder. "Eine eigene Erkrankung, der Tod eines nahestehenden Menschen oder ein überbehütender Erziehungsstil können Risikofaktoren für die Entwicklung einer späteren Hypochondrie sein", sagt die Expertin. Auch angeborene Faktoren spielen anscheinend eine Rolle. Ärzte sprechen von einer genetischen Angstvulnerabilität – negative Gefühle lassen sich dann nur schwer aushalten.

Geschwollene Lymphknoten: wirklich Krebs?

Bei Sontheimer war es unter anderem der Tod eines nahen Verwandten, der ihn in der Kindheit prägte. Die Hypochondrie zeigte sich in vollen Zügen gegen Ende seines Studiums. Sein Auslöser war eine Routineunter­suchung beim Arzt, wo geschwollene Lymphknoten auffielen, die genauer untersucht werden sollten. Sie könnten Anzeichen einer Krebs­erkrankung sein.

Mit dieser Botschaft kam Sontheimer nicht zurecht. Natürlich hätte auch ein Nicht-Hypochonder da aufgehorcht und wäre besorgt gewesen, bei Sontheimer löste sie aber Todesängste aus. Und die hielten selbst dann noch an, als es Entwarnung gab. Die Lymphknotenschwellungen am Hals waren durch vorübergehende Infektionen ausgelöst und als Begleiterscheinung der Immunabwehr völlig normal.

Sontheimer beruhigen solche Entwarnungen nicht. Vielleicht war ja der Arzt nicht genau genug. Der hat doch bestimmt etwas übersehen. Werde ich als Patient überhaupt ernst genommen? Gesunde Menschen ticken anders. Sie beruhigt ein plausibel begründeter Negativbefund eher. Nicht so Sontheimer. Er glaubt unentwegt an das Negative. Und selbst wenn er dies für kurze Zeit abschalten kann, denkt er bald wieder, dass etwas unentdeckt bleiben könnte, er zu spät zum Arzt geht und früh sterben muss.

Diese Grundangst sei, so Josef Bailer, sehr tief verwurzelt und lasse andere, positive Gedanken kaum zu. Bei der Therapie ging es deshalb auch um "die Erhöhung der gedanklichen Flexibilität", wie Bailer sagt. "Es liegt auch immer ein bisschen in meiner Macht, in welche Richtung ich denke." Und das lässt sich den Betroffenen inzwischen recht gut beibringen.

Verhaltenstherapie wirkt

Aus Sicht der Wissenschaft galt die Hypochondrie noch vor einiger Zeit als nahezu kaum behandelbar und wurde als Persönlichkeitsstörung oder Depression abgetan. Diese Sicht der Dinge hat sich in der Psychologie in den vergangenen Jahren verändert. Heute ordnen Experten die "Krankheitsangst" den somatoformen Störungen zu. Vor allem die kognitive Verhaltens- und die Konfrontationstherapie würden laut Maria Gropalis bei Hypochondern sehr gut funktionieren. "Natürlich gibt es auch Non-Responder, also Menschen, die nicht auf diese Therapieform anspringen. Aber sie sind sehr selten. Allgemein ist Hypochondrie gut behandelbar", sagt Gropalis. Das hat auch eine Studie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main belegt. Schon nach den ersten Sitzungen zeigte sich ein Einfluss dieser Therapieansätze auf die Ausprägung der Hypochondrie.

In der Konfrontationstherapie setzen sich Patienten mit den eigenen Ängs­ten auseinander. Sie sollen vermeiden, sich ständig durch Internet-­Recherchen oder Ärzte rückzuversichern, dass sie nicht krank sind. Die kognitive Therapie ist darauf ausgerichtet, die Bewertung von Körper­signalen und deren Risikoeinschätzung zu verändern. Hat ein Hypochonder Kopfschmerzen, deutet er sie mit hoher Wahrscheinlichkeit als Symptom eines Hirntumors, ganz unabhängig davon, dass diese Krebsform mit jährlich etwa 6500 Fällen in Deutschland sehr selten ist und es für Kopfschmerz unzählige Ursachen gibt. Hypochonder sollen unter anderem wieder lernen, rational mit Ängs­ten umzugehen.

Den eigenen Ängsten stellen

Benjamin Sontheimer hat bei Josef Bailer eine solche Therapie durchlaufen. In einer Sitzung musste er sich bewusst seinen Ängsten stellen – zum Beispiel der Sache mit dem weißen Belag im Mund. "Er sollte sich bildhaft vorstellen, dass sich das zu einer Katastrophe entwickelt", sagt Bailer. Sontheimer malte sich dieses Szenario aus und sah sich am Ende alleine und elend dahinsiechen. Aber er lernte dabei, mit dieser Angst umzugehen. Auch eine drastische Reduzierung der Arztbesuche soll dazu beitragen, mit den Ängsten besser umzugehen – wobei nicht jeder Hypochonder automatisch gerne zum Arzt geht. Manche vermeiden diese Besuche sogar ganz, um nicht mit der befürchteten Diagnose konfrontiert zu werden.

Maria Gropalis erinnert sich an eine Patientin, die massive Angst vor Brustkrebs hatte. Der Auslöser waren zwei Krebsbefunde bei Arbeitskolleginnen. Die Frau, Mitte 30, tastete sich zwar selbst ab, teils mehrmals täglich, sie mied aber Ärzte und das Thema Brustkrebs im Alltag. Gab es dazu einen Beitrag im Fernsehen, schaltete sie um. Wurde im Radio ein Lied einer bekannten, an Brustkrebs erkrankten Sängerin gespielt, wechselte sie den Sender.

Auch diese Frau sollte sich ihrer Angst stellen. Gropalis sah sich dann unter anderem mit ihr im Internet ­Videobeiträge über an Brustkrebs ­erkrankte Frauen an. Der Hintergrund: "Meidet man, sich der Angst zu stellen, wird sie größer und manifestiert sich", sagt Gropalis.

Die Frau durchlief insgesamt 45 Therapiestunden und ist, wie Gropalis sagt, seither vollkommen symptomfrei. Benjamin Sontheimer ging es laut Professor Bailer nach der Therapie ebenfalls wesentlich besser – wenn auch subtile Sorgen erhalten blieben.



Bildnachweis: Corbis/Beau Lark

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